Täter und Opfer

Als ich aus der Bahn steige und Gülcan allein zum Hermannplatz fahren lasse, musste ich die ganze Zeit an früher denken und verstand nicht, wieso alles so war, wie es war.

Mein Magen begann sich unter Schmerzen zu krümmen und ich dachte an all die Gesichter vergangener Tage, wollte wissen, was sie inzwischen machten, wie sie sich in diesem Augenblick wohl fühlten. Ist es so, dass sie das Recht zu sprechen verlieren, wenn niemand sie hören kann? Mir fehlt die Kraft nach Orten zu suchen, an denen nie etwas Schmerzhaftes geschehen ist. Die Straße lag nass und dunkel vor mir, die Wege der deprimierend stimmenden Gestalten in schwarz kreuzten sich mit dem meinen.

Ich kann die Tatsache nicht akzeptieren, dass sie nicht mehr auf dieser Welt ist. Ist sie das im Schrank, ist sie das im Spiegel, ist sie das neben dem Kopfkissen, ist sie das da draußen, wo ist sie? Ich wollte jetzt mit ihr schlafen und fühlte mich schäbig bei dem Gedanken. Nähe war mir momentan wichtig. Die Geister der Vergangenheit ließen mich nicht los und stürzten mich in aufbrausenden Kummer. Wenn es in dieser Stadt in Strömen gießt, rückt die Stille näher.

Mir wurde schwindlig. Ich musste kurz innehalten und hielt mich an einer Ampel fest. Nur eine kleine Pause, nicht lange. Ich sah alle ihre Gesichter vor mir. Wie sie in eine ferne und unbekannte Zukunft steuerten, heulend vor den Trümmern ihrer zerstörten Gefühlswelt um Erlösung flehten oder lächelnd aus dem Moment der Zerrissenheit heraus auf mich herab blickten. Ich atmete tief ein und versuchte zu lächeln. In diesem grausamen Jahr bin ich Täter und Opfer, ich fühle mich minderwertig und kann deshalb diese merkwürdige Reise jetzt nicht beenden. Sollte ich da herauskommen, so ist der Grund für meine Rettung nicht Furcht, sondern Abscheu.

Die Geschichten eines alten Mannes

Ich bin ein junger Mensch, so hilflos wie ein Kind, rechtschaffen, aber glücklos. Als ich Nachts durch die verlassenen Straßen von Berlin laufe wird mir klar, dass da nichts mehr kommt.

So viele Jahre ich sie kenne, so viele Frauen ich auch hatte, jedes Mal war es doch nur sie, jedes Jahr war anders mit ihr. Auch wenn ich lange nichts von ihr hörte, wusste ich, dass wir zusammen waren, ich lernte sie jedes Jahr neu kennen. Bei ihr finde ich tatsächlich alles was ich brauche, und will mich doch immer wieder von ihr trennen. Ich habe versagt, und so bleibt mir nichts anderes übrig, als zu schreiben.

Meine Welt ist wie ein kaputter Kompass. Ich scheine durch Magnetfelder zu laufen, immer auf der Suche und doch ohne Ziel. Und bin ich angekommen, weist mir die Nadel den Weg zurück. Ich bin ein sehr feiger Mensch und muss mich von Zeit zu Zeit von allen vertrauten Menschen zurück ziehen, um allein an einen Ort zu gehen, den ich nicht kenne, bevor ich wieder zurück kehre. Dadurch habe ich immer das Gefühl, dass das Leben aufregend ist und nur darauf wartet, entdeckt zu werden. Es ist ein völliges Abtauchen und es scheint, als könne man so auf alles eine Antwort finden. Bei jedem Fortgehen fühle ich mich besonders wahrhaftig, bei jeder Rückkehr so, als hätte ich etwas verloren.

Ich schrieb über Liebe, Kummer, Frohsinn und Sex. Über den Verfall des Einzelnen, der Hoffnung der Menge und der Macht Ereignisse zu sehen und zu erleben, die einen besonders machen in dieser Welt voller Arroganz und Gleichgültigkeit. Jetzt sitze ich hier, warte auf meine Bahn und frage mich, ob ich nun alles geschrieben habe, über das es zu schreiben galt. Unzählige Tabus sind gebrochen, so viele Leben gelebt. Ich bin 24 Jahre alt und meine Gedanken sind die eines vom Dasein abschließenden, alten Mannes. Ich brauche etwas Neues.